"Halterkunde statt Rassenliste" | PfotenCheck

"Halterkunde statt Rassenliste"

Veröffentlicht in Interviews

SOKA RUN im Interview

PfotenCheck hat mit Theresa Weyer vom "SOKA RUN" über das bundesweite Engagement des Vereins gesprochen. 

PfotenCheck: Frau Weyer, stellen Sie sich zunächst doch bitte kurz den Nutzern von PfotenCheck vor!

Theresa Weyer: Gerne! Mein Name ist Theresa Weyer ich bin seit 2012 Mitglied bei SOKA RUN und seit Januar 2013 Teil des Vorstands unseres Vereins. Als Schriftführerin bin ich für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig.

PfotenCheck: Was ist der SOKA RUN?

Theresa Weyer: Der SOKA RUN ist ein eingetragener gemeinnütziger Verein, der sich der politischen Aufklärungsarbeit gegen die Diskriminierung von Hunderassen verschrieben hat. Unser Motto lautet „Halterkunde statt Rassenliste“.

PfotenCheck: Was genau beinhaltet der Begriff Halterkunde für Sie?

Theresa Weyer: Jeder Hundehalter muss wissen, wie er mit seinem Hund umgehen sollte. Vor allem in schwierigen Situationen. Es passieren immer wieder Unfälle aufgrund von Unkenntnis der Halter über das Verhalten ihres Hundes. Hier ist jeder Hundehalter in der Verantwortung, nicht nur die Halter von Listenhunden, die zwangsläufig einen Sachkundenachweis erbringen müssen. Für uns ist Halterkunde eine aktive Gefahrenprävention, denn sie hilft, Unfälle zu vermeiden.

PfotenCheck: SOKA ist vielen Hundefreunden als Abkürzung für  „so genannter Kampfhund“ geläufig – aber was hat es mit dem Zusatz „RUN“ auf sich?

Theresa Weyer: Mit den RUNs sind unsere Protestmärsche und Demonstrationen gemeint, die in verschiedenen Städten in Deutschland stattfinden. Den allerersten Run gab es 2008 in Düsseldorf. Ein Jahr später wurde die Initiative dann in einen Verein überführt.

PfotenCheck: Wie genau läuft so ein RUN ab?

Theresa Weyer: Wir treffen uns mit Gleichgesinnten Hundehaltern aller Hunderassen  und ziehen im Rahmen eines friedlichen Protestmarsches als Mensch-Hundeteams bundesweit durch die Städte. Auf diese Weise möchten wir informieren und helfen, Vorurteile abzubauen. Es gibt in der Regel ein Rahmenprogramm mit verschiedenen Aktionen. Der letzte RUN fand am 18. Mai in Mainz statt – dort haben wir unter anderem den Ablauf eines Wesenstests vorgeführt und von Schicksalen betroffener Hundehalter berichtet, deren Hunde zum Beispiel grundlos getötet wurden.

PfotenCheck: Wie  viele RUNs führen Sie pro Jahr durch?

Theresa Weyer: In diesem Jahr werden es mit Hamburg, Frankfurt, Mainz, Erfurt, Karlsruhe, Düsseldorf und Berlin insgesamt sieben sein.

PfotenCheck: Warum gerade diese Städte – wie erfolgt die Auswahl?

Theresa Weyer: Wir bemühen uns natürlich in der Regel um die großen Städte – um nicht zu sagen Landeshauptstädte. In einigen Fällen sind die jeweiligen Auflagen zur Durchführung einer solchen Veranstaltung jedoch so strikt, dass wir dort auf einen RUN verzichten und eine Alternative wählen müssen– so geschehen beispielsweise im Fall von Stuttgart. Hier sind wir dann nach Karlsruhe ausgewichen.

PfotenCheck: Sie erwähnten es bereits: Der letzte RUN fand vor Kurzem in Mainz statt. Wie lautet rückblickend Ihr Fazit?

Theresa Weyer: Die Veranstaltung war ein riesiger Erfolg! Etwa 220 Teilnehmer waren vor Ort. Das schöne war, dass die Veranstaltung zentral stattfand und wir mitten durch die Innenstadt, vorbei an allen Geschäften, ziehen konnten – das sichert natürlich Aufmerksamkeit! Zudem ist es beeindruckend und bewegend, zu wissen, dass so viele Menschen und Hunde zu einem einzigen gemeinsamen Zweck zusammengekommen sind.

PfotenCheck: Wie groß ist der Verein mittlerweile und was zählt neben der Organisation und Durchführung der RUNs noch zu Ihren Tätigkeiten?

Theresa Weyer: Wir haben derzeit 88 Mitglieder. Zu unseren Aufgaben zählt vor allem Aufklärungsarbeit, zum Beispiel in Form von Infoständen. Nebenbei sind wir auch im Tierschutz tätig und helfen bei der Vermittlung von Nothunden. Eines unserer neusten Projekte ist, Kinderbücher zum Thema „Wie gehe ich mit meinem Hund um“ in Kindergärten und Grundschulen zu verteilen. Zudem engagieren wir uns auch im politischen Bereich.

PfotenCheck: Zu den Forderungen Ihres Vereins zählt die Abschaffung von Rassenlisten. In diesem Zusammenhang sprechen Sie von einer Ungleichbehandlung einzelner Hunderassen, die zu negativen und unsozialen Folgen für die Gesellschaft führt. Können Sie uns hierfür ein paar Beispiele nennen?

Theresa Weyer: Jeder Halter eines Rassenlisten-Hundes sieht sich massiven Vorurteilen ausgesetzt. Diese Menschen sind als Kampfhundebesitzer verschrien und dies bringt in verschiedenen Situationen massive Nachteile und Einschränkungen mit sich:  So ist es schwierig bis fast unmöglich, eine Wohnung zu finden, denn viele Vermieter lehnen Listenhunde kategorisch ab. Und hat man doch einen toleranten Vermieter gefunden, könnte es möglicherweise Ärger und Streit mit den Nachbarn geben, die aufgrund von Vorurteilen den Hund nicht akzeptieren. Auch viele Hundeschulen lehnen es ab, bestimmte Hunderassen aufzunehmen. Ein anderes Thema wäre Urlaub. Sie können Ihr Urlaubsziel mitunter nicht frei wählen, sondern müssen genau aufpassen, in welches Land Sie mit Ihrem Hund reisen und müssen sich im Voraus genauestens über die dortigen Gesetze informieren, um Ihren Hund nicht in Gefahr zu bringen.

PfotenCheck: Demzufolge sehen sich Besitzer von Listenhunden also im Alltag besonders schweren Herausforderungen und zahlreichen Widerständen ausgesetzt?

Theresa Weyer: Genau.Sie stehen vor allem unter massivem Druck der Öffentlichkeit. Man schaut genau auf ihre Hunde, denn diesen wird schon alleine aufgrund ihrer Rasse ein erhöhtes Gefahrenpotenzial unterstellt. Ihre Hunde werden verurteilt, weil sie existieren. Neben einem hohen Verantwortungsbewusstsein, müssen Listenhundebesitzer ein dickes Fell haben und gefühlt zu 200% mehr darauf aufpassen, dass ihre Hunde sich keine Fehler erlauben. Auch müssen Sie mit Rückschlägen leben, zum Beispiel, wenn andere Kinder nicht mehr zu ihren Kindern zu Besuch kommen dürfen.

PfotenCheck: In welchen Bundesländern sind die Rassenlisten denn besonders strikt und wo eher moderat?

Theresa Weyer: Bayern und Hamburg führen die längsten und strengsten Rassenlisten und greifen hart durch. Andere Bundesländer haben gemäßigtere Abstufungen, und Niedersachsen hat als einziges Bundesland die Rassenlisten komplett abgeschafft. In Hessen wurde zumindest über einen Gesetzesentwurf diskutiert, der ebenfalls die Abschaffung der Rassenlisten beinhaltete. Doch der Entwurf wurde leider inzwischen abgelehnt – das wäre ein riesiger Fortschritt gewesen!

PfotenCheck: Wenn nun jemand behauptet, dass Rassenlisten und erhöhte Steuern für bestimmte Hunderassen in erster Linie der Sicherheit dienen…

Theresa Weyer: … dann ist diese Behauptung schlichtweg falsch. Die einzige Sicherheit, von der wir hier sprechen, ist eine Scheinsicherheit. Werfen Sie einen Blick auf die bundesweiten Beißstatistiken: Nur zwei Prozent der hier verzeichneten Vorfälle gehen auf das Konto von gelisteten Rassen. Bleiben somit 98% Beißattacken, die von Hunderassen ausgingen, die man nicht per se als gefährlich einstuft. Zudem steigt trotz Einführung der Rassenlisten die Anzahl der Unfälle. Rassenlisten dienen Politikern als Mittel des Aktionismus. „Ja, wir machen was“ hört sich schließlich immer gut an. Politiker interessieren die Fakten nicht. Überall sonst berücksichtigt man wissenschaftliche Thesen – nur im Bereich der SOKAs werden sie komplett ignoriert. Erst der Mensch macht den Hund zu dem, was er ist.

PfotenCheck: Welche Erfolge Ihrer Arbeit konnten Sie bislang verzeichnen?

Theresa Weyer: Wir freuen uns über steigende Zahlen – sowohl bei den Mitgliedern als vor allem auch bei den RUNs. In Frankfurt haben wir 400 Personen gezählt. Wir bekommen immer mehr Anfragen und man zeigt Interesse an unserer Arbeit. Das Bild wandelt sich. Viele Menschen zeigen sich erstaunt über unsere Informationen, denn ihnen ist nicht bewusst, welche gravierenden Auswirkungen die Ungleichbehandlung von Hunden mitbringt. Für uns ist es bereits ein Erfolg, wenn wir es schaffen, eine einzige Person aufzuklären und für den Abbau von Ängsten und Vorurteilen zu sorgen!

PfotenCheck: Gibt es noch etwas, das Sie den Nutzern von PfotenCheck mitteilen möchten?

Theresa Weyer: Wir freuen uns über Ihre Fragen und Ihre Unterstützung, zum Beispiel als aktives oder passives Mitglied oder in Form von Spenden, damit wir unseren Verein und die kommenden Aufgaben durchführen und finanzieren können.

PfotenCheck: Wir bedanken uns für das Gespräch und wünschen Ihnen für Ihre weitere Arbeit viel Erfolg!

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Ansprechpartnerin: Birgit Kramer

Spendenkonto:

Sparkasse Dieburg
Konto-Nr. 143 013 332
BLZ: 508 526 51

Website: http://www.soka-run.de/

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